Irrtümer und Widersprüche im allgemein-menschlichen, kulturell-historischen und individuellen Relativismus
Author: 
Josef Seifert
Publisher: 
Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie (http://aemaet.de)

Nach dem Relativismus gibt es keine Urteile, welche absolut gesprochen wahr oder falsch wären. Am Beispiel des Selbstmords und der Verzweiflung als Reaktion Heinrich von Kleists auf den „transzendentalen Relativismus“ Kants werden die einschneidenden existentiellen Konsequenzen der relativistischen Leugnung der Absolutheit der Wahrheit dargelegt. Anhand konkreter Aussagen wird gezeigt, daß dieWahrheit einem Urteil absolut und allein in seinem Verhältnis zur Wirklichkeit, und nicht relativ auf irgendein denkendes Wesen zukommt und deshalb der Relativismus dem einsichtigen Wesen der Wahrheit widerspricht. Während der Skeptizismus nur die Erkennbarkeit der Wahrheit bezweifelt oder leugnet, deutet der „Relativismus“ den Begriff der Urteilswahrheit radikal um. Aus dem Wesen der Wahrheit als Übereinstimmung mit bestehenden Sachverhalten folgt die Absurdität und Undenkbarkeit des vom Relativismus umgedeuteten Wahrheitsbegriffs, in dem Wahrheit mit einem subjektiven Für-wahr-Halten gleichgesetzt wird. Hand in Hand mit ihrem Widerspruch zum einsichtigen Wesen der Wahrheit widerspricht sich die Aussage der Relativität der Wahrheit selber. Denn die Aussage „Alle Wahrheit ist relativ“ (auf den Einzelnen, auf einen historischen Verstehenshorizont, oder auch auf die ganze Menschheit) beansprucht für sich selber und ihre zahlreichen Begründungen notwendigerweise genau jene Objektivität der Wahrheit, die sie für alle anderen Aussagen leugnet. Auch in der „Diktatur des Relativismus“ wird ein Widerspruch aufgewiesen. Denn wenn es keinen Unterschied zwischen „Wahr-sein“ und „Für Wahr-Halten“ mehr gibt, müsste ein totales laisser-faire, laissez-vivre folgen. In Wirklichkeit aber hat niemand eine so radikale politische Diktatur ausgeübt wie der essentiell relativistische Nationalsozialismus, Kommunismus und Faschismus, und übt der Relativismus auch im heutigen akademischen Leben eine Diktatur aus. Darin liegt eine paradoxe „Logik“ des Relativismus: denn ebenso wie er keinen rationalen Grund hat, eine Diktatur auszuüben und alles dulden müsste, hat er auch keinerlei Grund, selbst der schlimmsten Diktatur, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, politischen Freiheit oder selbst der grauenvollsten Verletzung der Menschenwürde Widerstand zu leisten. Dieser paradoxe Widerspruch der politischen und akademischen Diktatur des Relativismus erweist gleichfalls die notwendige Falschheit des Relativismus. Abschliessend wird gezeigt, daß Russells und Tarskis universales Verbot der Selbstanwendung einer Theorie, welches sie von seiner berechtigten Anwendung auf empirische und bestimmte andere Aussagen, welche objektiv ein sich selber Ausnehmen vom Gegenstandsbereich der eigenen Aussage zulassen, auf alle allgemeinen Aussagen und Prinzipien ausdehnen, nicht, wie sie glauben, die Widerlegung des Relativismus aus seinem Selbstwiderspruch zunichtemacht, sondern vielmehr die Fundamente aller Logik zerstören würde. Ähnliches gilt für Heideggers und Gadamers nonchalante Behauptung, die Widerlegung des Relativismus aus seinem Selbstwiderspruch sei ein „plumper Überrumpelungsversuch“. Keine dieser Listen moderner Logiker und herablassenden Kritiken Heideggers können Platons, Aristoteles’, Augustins, Bonaventuras, Husserls und unsere zweite Widerlegung des Relativismus aus seinem inneren Widerspruch ungültig machen.

Zitationsangaben: Seifert, J. (2012). Irrtümer und Widersprüche im allgemein-menschlichen, kulturell-historischen und individuellen Relativismus. AEMAET, 1(1), 32-88.
Hinweis: Der Text ist unter der Creative-Commons-Namensnennung-Lizenz (CC BY 3.0) veröffentlicht.
Bildhinweis: Dieses Werk ist gemeinfrei.

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