Wer sich heute zum christlichen Glauben bekennt, steht unter einem erheblichen Rechtfertigungsdruck, und das nicht nur wegen der kirchlichen Skandale der letzten Jahre: War es früher das Christentum, das in unserem Kulturkreis mehr oder weniger unhinterfragt den Deutungshorizont menschlichen Lebens bereitstellte, so erkennt unsere Gesellschaft nun den Naturwissenschaften die Kompetenz zu, uns zu erklären, was es mit Welt und Mensch auf sich hat. Dadurch erscheint die Beweislage dramatisch zu Ungunsten des Glaubens verschlechtert: Die meisten Menschen würden heute wohl sagen, dass es in der Welt „mit rechten Dingen“ zugeht, dass wir also keine übernatürliche Gottheit brauchen, um uns die Welt zu erklären und Lösungen für unsere menschlichen Probleme zu finden. Diese Sicht erscheint heute vielen so plausibel – das heißt im wahrsten Sinne des Wortes so selbst-verständlich – dass sie sich nur selten darüber Gedanken machen, wie es tatsächlich um ihre Begründung steht. Eben hier müssen Christen nachfragen, wenn sie sich nicht von vorneherein als „von gestern“ aus dem Dialog verabschieden wollen. Und dies muss in einer Sprache geschehen, die nicht nur von wenigen Eingeweihten an philosophischen oder theologischen Fakultäten verstanden wird, sondern auch von jemandem, der kein Examen in Philosophie vorzuweisen hat.

Ein Buch, das hier ansetzt, ist der vorliegende Band. Es handelt sich dabei um eine komprimierte und mit etwas anderen Akzenten versehene Fassung des Buches „Halbierte Wirklichkeit. Warum der Materialismus die Welt nicht erklärt“ desselben Autors von 2014. Diese Fassung verzichtet nun ganz auf Fußnoten und bemüht sich auch sonst um eine möglichst lesernahe Sprache. Hans-Dieter Mutschler ist dabei als Philosoph und Physiker doppelt qualifiziert für sein Thema, zudem arbeitet er als Natur- und Technikphilosoph seit gut 30 Jahren in diesem Bereich. Aus seiner christlichen Haltung macht er keinen Hehl, sein Buch ist (auch mit seiner Kürze von 200 Seiten) aber ohnehin eher für Christen geschrieben, die sich Gedanken machen über die rationale Verantwortbarkeit ihres Glaubens, als mit dem Ziel, bekennende Materialisten zu überzeugen.

Eingangs erklärt Mutschler, was er unter Materialismus versteht. „Materialist“ in dem von ihm gemeinten Sinn ist jemand, der es für naturwissenschaftlich erwiesen hält, dass die Welt letztlich aus nichts als Materie (d. h. aus Atomen bzw. Elementarteilchen) besteht, der gegenüber der Geist keine eigenständige Realität besitzt.

In seinem ersten Kapitel unterscheidet er dann zwischen einem „klugen“ und einem „primitiven“ Materialismus. Diese beiden Formen des Materialismus trennt nicht nur die Tatsache, dass der „primitive“ Materialismus sich für seine Begründung auf die Naturwissenschaft beruft, der „kluge“ Materialismus aber nicht, weil er sehr wohl weiß, dass der Materialismus keineswegs zwingend aus der Naturwissenschaft folgt. Sondern sie unterscheiden sich auch in ihrer Haltung zur Religion: Der „kluge“ Materialismus (wie z. B. Jürgen Habermas oder Herbert Schnädelbach ihn vertreten) ist für Mutschler ein trauriger Materialismus. Er weiß um den Verlust, der mit der Absage an die Existenz Gottes verbunden ist und versucht, ihre sinnstiftende und gesellschaftsstabilisierende Kraft auf anderem Weg zu kompensieren (so gut das eben geht). Der „primitive“ Materialismus (wie z. B. Neue Atheisten wie Richard Dawkins oder Michael Schmidt-Salomon ihn vertreten) ist hingegen ein aggressiver, aber philosophisch sehr unbedarfter Materialismus. Das Problem des Sinnes in der Welt ficht ihn überhaupt nicht an; Religion bzw. der Gottesglaube ist für ihn ein einziges Übel und die Wurzel aller Probleme in der Welt. Mutschler geht es mit seinem Buch nicht nur um diesen „primitiven“ Materialismus; sich mit ihm philosophisch auseinanderzusetzen wäre aufgrund seiner wissenschaftstheoretischen Naivität auch kaum der Mühe wert: Es geht ihm um das weltanschauliche Fundament (d. h. um jenen populärphilosophischen common sense), welches die „primitiven“ Materialisten mit jener weitaus größeren Gruppe von Menschen teilen, die zwar nicht die Religion für die Wurzel aller Übel halten, welche aber ebenfalls der Meinung sind, es sei naturwissenschaftlich erwiesen, die Welt bestehe letztlich aus nichts als Materie.

In seinem zweiten Kapitel fragt Mutschler, in wieweit man den Menschen ausschließlich und in jeder Hinsicht als ein Produkt der Evolution verstehen kann. Aufgrund der methodischen Selbstbeschränkung der Naturwissenschaften auf die quantifizierbaren Aspekte der Natur wäre dies für ihn gleichbedeutend damit, zu sagen, dass es keine Höherentwicklung in der Natur gegeben hat (schon Darwins Devise lautete: „Never say higher“): Der Mensch würde wertmäßig auf derselben Stufe stehen wie Tier und Pflanze (d. h. echte Werte würde es gar nicht geben). Mit Thomas Nagel weist Mutschler jedoch darauf hin, dass der Mensch Eigenschaften besitzt, die sich in eine rein horizontale Weltauffassung nicht integrieren lassen: Im Lauf der Evolution des Menschen sind mit Vernunft und Freiheit Eigenschaften entstanden, die sich nicht rein kausal-mechanisch als zufällige Produkte evolutionärer Prozesse erklären lassen. Gibt es aber solche Eigenschaften, so muss man entweder 1) mit Nagel annehmen, dass das Universum von Anfang an auf die Entstehung dieser Eigenschaften ausgerichtet war, sodass die uns heute bekannten Naturgesetze also nicht das Ganze der Natur beschreiben, oder 2) akzeptieren, dass es echtes Neues in der Natur gibt (also starke Emergenz). Indem Nagels Annahme, das Universum sei immer schon auf die Entstehung geistiger Eigenschaften wie Vernunft und Freiheit ausgerichtet, schwerlich noch als „materialistisch“ bezeichnet werden kann, hält Mutschler es für plausibler, Gott als Ursprung neuer (stark) emergenter Eigenschaften in der Natur zu sehen. Die Position des Theisten ist somit keineswegs weniger rational als die des Materialisten, ja es gelingt ihr sogar, Phänomene in ihre Sicht zu integrieren, die für diesen völlig unerklärbar bleiben.

Im dritten Kapitel geht Mutschler dem Verhältnis von Leib und Seele nach. Dabei beinhaltet für ihn die Frage, wie denn der Geist in die Welt komme, bereits eine Vorentscheidung, indem sie diesen als ein nachträgliches, von ursprünglich rein materiellen Prozessen produziertes Phänomen vorstellt. Am Beispiel der Elektrizität, die noch im 19. Jahrhundert keinen Platz in der klassischen Physik hatte, verdeutlicht er, dass ähnliche Vorentscheidungen im Bereich der Naturwissenschaften sich schnell als auf falschen Prämissen aufbauend herausstellen können. Ähnliches könnte, so Mutschler, auch beim Geist der Fall sein. Eines der Hauptprobleme einer materialistischen Deutung des Leib-Seele-Verhältnisses ist dabei für ihn das Phänomen der menschlichen Erlebnisqualitäten: Diese lassen sich aufgrund ihres subjektiven Charakters prinzipiell nicht naturwissenschaftlich erfassen oder gar rekonstruieren. Mit Dieter Henrich betont er, dass die menschliche Subjekthaftigkeit, also die Fähigkeit des Menschen, sich seiner selbst bewusst zu sein, unhintergehbar ist.

Mutschler kritisiert zudem die drei Grundprinzipien, mit denen Peter Bieri die Leib-Seele-Debatte zu strukturieren versucht. Sie lauten: 1) Mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene. 2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam. 3) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen. Nach Bieri ist es nicht möglich, alle drei Prinzipien gleichzeitig zu halten: Wer zwei von ihnen festhalte, müsse das dritte Prinzip aufgeben. Mutschler erkennt in Prinzip 3) eines der Grundprinzipien des Materialismus, welches seine Vertreter dazu führt, entweder Prinzip 2) die kausale Wirksamkeit des Geistigen zu leugnen (was jedoch sehr unintuitiv ist) oder, noch wahrscheinlicher, Prinzip 1) zu bestreiten, wonach geistige Phänomene nicht-physische Phänomene sind. Mutschler selbst bestreitet Prinzip 3), da dieses nach seiner Ansicht keineswegs naturwissenschaftlich erwiesen ist.

Diese Auffassung begründet er im nachfolgenden vierten Kapitel über die drei „Dogmen des Materialismus“. Bevor er auf die kausale Geschlossenheit als Grundprinzip der Dynamik des Universums eingeht, kritisiert er zunächst das Materieprinzip als Fundament sowie das Supervenienzprinzip als die Statik der materialistischen Weltsicht. Mutschler betont, dass weder der Materiebegriff noch der Begriff der Ursache irgendwo in der Physik vorkommen: sie sind weder physikalisch definiert noch auch von Relevanz für die tatsächliche physikalische Forschung. Die Behauptung, alles, was ist, bestehe letztlich aus Materie und sei über eine lückenlos geschlossene Kausalkette miteinander verbunden, zeigt sich für ihn damit als ein weltanschaulich gefärbtes Dogma, aber keineswegs als zwingende Schlussfolgerung aus den Naturwissenschaften (Kausalität als heuristisches Prinzip naturwissenschaftlicher Forschung behält damit trotzdem ihren Wert). Das Prinzip der Supervenienz, wonach höhere, komplexe Naturphänomene wie Selbstbewusstsein und Freiheit auf unteren, rein materiellen Prozessen aufbauen (d. h. kausal durch diese hervorgerufen sind), ist für Mutschler nicht mehr als eine Verschleierung unseres eigentlichen Unwissens: Da wir de facto bis heute nicht wissen, wie die Ebenen des Materiellen und des Geistigen zusammenhängen, aus anderen Zusammenhängen aber Supervenienz kennen, behauptet der Materialist, auch das Leib-Seele-Verhältnis müsse ein Supervenienzverhältnis sein. Ob das so ist, ist jedoch gerade die Frage und kann somit nicht einfach vorausgesetzt werden.

Das fünfte Kapitel kritisiert die weit verbreitete Annahme, die Naturwissenschaften würden das Wesen der Natur offenbaren. Mutschler betont, dass die Naturwissenschaften aufgrund ihrer methodischen Selbstbeschränkung nur gleichsam die äußeren Umrisse der Dinge zeigen (d. h. das, was sich mittels ihrer quantitativen Methoden erfassen lässt), dies allerdings auf Kosten ihrer qualitativen Aspekte. Daraus lässt sich jedoch nicht folgern, dass es diese qualitativen Aspekte nicht gibt (dies wäre ebenso gut begründet wie wenn man die Welt mit einer Schwarzweiß-Kamera aufnimmt und dann behauptet, es gebe keine Farben). Einen wichtigen Grund dafür, weshalb sich diese Überzeugung dennoch durchgesetzt hat, sieht Mutschler im technischen Weltzugriff der Moderne (Thomas Hobbes war schon im 17. Jahrhundert der Meinung, eine Sache zu kennen heiße, zu wissen, was man mit ihr machen kann, wenn man sie hat). Diese Verankerung unserer vermeintlich objektiven Erkenntnis der Natur in einer bestimmten naturwissenschaftlich-technischen Praxis führt dazu, dass heute alles Qualitative, Werthafte als nicht mehr der Natur selbst zugehörig betrachtet, sondern der subjektiven Wahrnehmung des Menschen zugeschrieben wird. Damit aber kommt es zur Illusion einer vermeintlich wertfreien Forschung, die den praktischen Kontext, in dem das eigene Forschen steht (und damit auch die Zwecke, denen es dient), als unerheblich und sachfremd ausblendet. Dass die Objekte, an denen der Naturwissenschaftler forscht, keineswegs so wertneutral sind wie behauptet, und dass wissenschaftliches Forschen deshalb auch nicht jenseits aller ethischen Kriterien steht, verdeutlicht Mutschler am Beispiel der militärischen Forschungen während des 2. Weltkriegs (der Atombombe auf amerikanischer und der Raketentechnologie auf deutscher Seite).

Nachdem er die vermeintliche Neutralität und Objektivität wissenschaftlicher Naturerkenntnis als Illusion kritisiert hat, beschäftigt sich Mutschler im sechsten Kapitel mit der Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und Objekt. Sein Ausgangspunkt ist dabei die auch von Hegel und Nagel vertretene Auffassung, dass es weder reine Subjektivität noch reine Objektivität gibt: Erfahrung ist ein Geschehen zwischen Subjekt und Objekt, an dem immer beide Pole Anteil haben (wenn auch in unterschiedlichem Maß; die Formeln der Physik sind weit objektiver als mein Urteil über die Geschmacksqualität eines Steaks). Die Tatsache, dass selbst unsere objektivsten Erkenntnisse über die Welt einen subjektiven Anteil besitzen, hat für Mutschler zur Folge, dass es zu Formen „kollektiver Egozentrik“ kommen kann, in denen ganze Epochen gemeinsame Überzeugungen teilen, die erst bei genauerem Hinsehen ihre weltanschaulich-subjektive Prägung offenbaren. In diese Kategorie kollektiver Egozentriken stuft er auch den zeitgenössischen Materialismus ein. Die unaufhebbare Verbindung zwischen Subjekt und Objekt hat für Mutschler eine weitere Konsequenz: Da die Fragen, die wir an die Natur stellen, immer auch von unseren praktischen Interessen abhängig sind, ist unsere Naturerkenntnis selbst stets subjektiv geprägt. Damit offenbart sich für Mutschler ein „unterirdischer“ Zusammenhang des bisher behandelten theoretischen Materialismus mit dem, was er „praktischen“ Materialismus nennt. Dieser besteht darin, sich nur für das zu interessieren, was unseren Sinnen angenehm erscheint; er folgt also einem sensualistischen Prinzip der Lustmaximierung. Wenn es darum geht, diesem Prinzip zu folgen, ist es sehr hilfreich, auch einen theoretischen Materialismus zu vertreten, der den von uns nur zu unseren eigenen Zwecken gebrauchten Gegenständen keinerlei Eigenwert zuerkennt.

Im siebten Kapitel zieht Mutschler die Konsequenz aus den vorangegangenen Überlegungen für die Haltung des Glaubens gegenüber der Naturwissenschaft. In einer Zeit, in der der populärphilosophische common sense in einem sich auf die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung berufenden Materialismus besteht, kann der Glaube seine Integrität nur dann bewahren, wenn er sich dieser Sicht nicht anbiedert, sondern ihr kritisch gegenübertritt. Theologie muss daher immer zugleich auch Sozial- und Wissenschaftskritik sein. Mutschler verweist auf viele Versuche von Theologen, Brücken zwischen christlichem Glauben und Naturwissenschaft zu schlagen, welche jedoch nicht den tatsächlichen Forschungsstand rezipieren, sondern (ohne dies zu merken) dessen materialistische Interpretation. Demgegenüber plädiert er für eine wissenschaftstheoretisch fundierte Metaphysik der Natur als Element einer verantwortungsbewussten Theologie, die die Einseitigkeiten der heutigen materialistischen Natursicht erkennt und ihr philosophisch zu begegnen versucht.

Im abschließenden achten Kapitel verwendet Mutschler die Überlegungen der vorangegangenen Kapitel, um auf ihrer Basis eine philosophisch verantwortete Theologie der Natur zu skizzieren. Diese unterscheidet er von der natürlichen Theologie klassischer Prägung, welche versucht, mit den Mitteln der natürlichen Vernunft die Existenz Gottes einsichtig zu machen: Seine Theologie der Natur geht vom christlichen Glauben aus und versucht aus dieser Perspektive unser naturwissenschaftliches Wissen von der Natur einsichtig zu machen. Dies ist natürlich nicht von einem vermeintlich rein objektiv-wissenschaftlichen, sondern nur von einem lebensweltlich situierten Standpunkt aus möglich. Zudem ist es erforderlich, die Orientierung an einem bloß faktisch (oder quantitativ) Allgemeinen aufzugeben (wie z. B. den Gesetzen der Physik), zugunsten der Orientierung an einem normativ (oder qualitativ) Allgemeinen, das heißt dem Guten, das stets geschichtlich-konkret in Erscheinung tritt. Nimmt man diese Perspektive ein, so stellt man fest, dass selbst die härtesten Materialisten in ihren Urteilen über ein vermeintlich sinnloses Universum durchgehend von qualitativen Sinnunterstellungen zehren, die sie auf theoretischer Ebene doch zugleich verneinen. Mutschlers Fazit lautet: Es ist keineswegs zwingend, wissenschaftlich nachweisbare quantitative Eigenschaften des Universums (auch nicht den vermeintlichen Zufall evolutionärer Prozesse) als Belege für die Wahrheit des Materialismus zu nehmen; es ist nicht weniger gut möglich, sie als Ausdruck einer schöpferischen Tätigkeit Gottes zu sehen. Eine solche naturphilosophisch verantwortete theologische Sicht auf die Natur zurückzugewinnen ist für ihn auch in praktischer Hinsicht notwendig – um eines verantwortungsvollen Umgangs mit Mensch und Natur willen.

Das Buch bündelt auf 200 knappen Seiten nahezu alle Grundfragen im Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Materialismus und Religion; allein dies ist bereits eine beachtliche Leistung. Zudem ist die Sprache sehr klar und frei von jedem philosophischen Jargon, der das Verständnis unnötig erschweren würde. Trotzdem würden die meisten Menschen das Buch wohl keine leichte Lektüre nennen. Dies liegt jedoch an der Komplexität des Themas, bei dem man auf Themen wie Teleologie, Emergenz oder Supervenienz nicht ganz verzichten kann. Hier wäre ein kleines Glossar am Ende vielleicht für den einen oder anderen Leser hilfreich gewesen. Manchmal merkt man dem Autor das Engagement für seine Sache vielleicht etwas sehr an, zum Beispiel wenn er Äußerungen von Dawkins als „besonders abstoßend“ (30) bezeichnet, oder die Position von Wuketits als „an Absurdität kaum zu überbieten“ (35).

Sachlich kann man die Qualität des Buches kaum genug würdigen, auch wenn die Darstellung der einzelnen Argumente aufgrund der gebotenen Kürze manchmal sehr knapp ausfällt. Wer hier tiefer einsteigen will, dem sei das eingangs erwähnte (und auch nicht wesentlich schwerer verständliche) Buch „Halbierte Wirklichkeit“ empfohlen, oder sonst eigentlich fast jede andere Publikation Mutschlers. Auf S. 80 hat sich ein kleiner Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Bei der Erörterung der „Idealen Gasgleichung“ muss es natürlich nicht heißen: „Halte ich hingegen die Temperatur konstant und vermindere das Volumen, dann erhitzt sich das Gas ebenfalls“, sondern: „dann erhöht sich der Druck ebenfalls“. Wenn Mutschler auf S. 174f. die traditionelle christliche Lehre vom Bösen als privatio boni kritisiert, weil hier das Böse letztlich auf einen Status als bloß akzidenteller Mangel an einem ontologisch als „gut“ bestimmten Wesen reduziert werde, so stimmt der Rezensent zwar zu: Das Böse als bloßes Akzidenz zu sehen hieße, es nicht richtig ernst zu nehmen. Aber ihm ein eigenes Sein zuzusprechen wäre ebenfalls problematisch – als gäbe es ein Sein des Bösen, das gleichrangig neben dem Sein des Guten steht. Hier könnte eine Orientierung an biblischen Kategorien weiterhelfen. Sein ist nichts rein Statisches, sondern etwas Dynamisches: Sein ist In-Beziehung-sein; das Böse ist Verweigerung von Beziehung. Damit wäre das Böse kein bloßes Akzidenz, sondern ein echter substanzieller Mangel. Dies scheint dem Rezensenten auch die eigentliche Intention der privatio boni-Lehre gewesen zu sein, was man aber damals mit dem bestehenden metaphysischen Vokabular nicht richtig ausdrücken konnte. Im Übrigen kann man das Buch nur jedem Christen, der den Kontakt mit für seinen Glauben relevanten philosophischen Grundsatzfragen nicht grundsätzlich scheut, dringend zur Lektüre empfehlen.

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*Der Text ist unter der Creative-Commons-Namensnennung-Lizenz (CC BY 3.0) veröffentlicht. Erscheinungsdatum 06.07.2016.

Erstpublikation: Feinendegen, Norbert. "Rezension zu: ‘Alles Materie – oder was? Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion’ von Hans-Dieter Mutschler." AEMAET [online], 5.1 (2016): 2-12.