Was zeichnet den Menschen vor allen anderen apersonalen Lebewesen aus?
Dezember 4, 2016 - 4:43pm

(Bildnachweis: Miguel Hermoso Cuesta - CC BY-SA 4.0)

Der deutsche Philosoph Hans Eduard Hengstenberg schreibt in seiner Philosophische Anthropologie über die Berufung der menschlichen Person: „Es gehört […] zum Wesen des Menschen, daß er ein zur Liebe berufenes Wesen ist, daß er nicht die Wahl hat, zu lieben oder nicht zu lieben, sondern nur, zu lieben oder die Liebe zu verfehlen“. In Anbetracht dieser Überlegung macht es Sinn bei diesem Gedanken geistig zu verweilen, um ihn tiefer zu verinnerlichen. Was zeichnet den Menschen vor allen anderen apersonalen Lebewesen aus? Kurz gesagt: seine Fähigkeit zu lieben. Der Mensch kann andere Personen lieben. Dieses Wesenschrakteristikum der menschlichen Person impliziert ihre vernünftige Natur und ihren freien Willen. Die Fähigkeit eine andere Person lieben zu können ist aber gleichzeitig mehr als nur der bloße Besitz einer vernünftigen menschlichen Natur und eines freien Willens. Lieben kann nur derjenige, der sich selbst besitzt - der Selbstand ist und dem die Fähigkeit zur Intentionalität, zur Selbsttranszendenz und zur Selbsthingabe innewohnt.

Wie das Herz gemäß „uralter anthropologischer Weisheit […] als ‘Sitz’ der Seele“ bezeichnet werden kann, also auch als „Kern“ oder „Zentrum“ der Person, so scheint die personale Liebe der höchste, intensivste und tiefste Akt unter allen personalen Akten zu sein. Somit scheint auch die Vermutung berechtigt, dass durch eine kontemplative Schau der „personalen“ Liebe, bzw. eine „intuitive Analyse“ der Liebe einer Person zu einer anderen Person, die größten und tiefsten Erkenntnisse, die für den menschlichen Geist über das Mysterium „Person“ natürlicherweise intelligibel sind, vermittelt werden können.

Erst die Liebe vermag die Pforten des Personseins zu öffnen, erst oder insbesondere in der Liebe öffnet sich die Person als Person einer anderen Person und wird sich in ihrem Vollzugsbewusstsein selbst als Person erst recht bewusst. Wie selten handeln, denken und fühlen die Menschen wirklich als „personale Menschen“, die sich ihrer unverlierbaren Würde, Einmaligkeit und Kostbarkeit bewusst sind. Wie selten ist auch die einzig angemessene Antwort auf eine menschliche Person, die einmalig und unvergleichlich kostbar ist. Die einzig angemessene Wertantwort für das Geschenk des Personseins ist „existentielle Dankbarkeit“, dem Schenkenden gegenüber, dem quo maius nihil cogitari possit (worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann), doch „existentielle Dankbarkeit“ allein genügt nicht, ist in sich unvollkommen, wenn sie sich nicht in der Antwort aller Antworten, der „Überwertantwort“ der Liebe manifestiert, die anhält so lange man lebt. Diese „Überwertantwort“ der Liebe gegenüber dem quo maius nihil cogitari possit, dem personalen Geber aller Gaben, also Lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft, zeugt von einem tiefen erkennenden Verstehen des Personseins und seiner unschätzbaren Kostbarkeit und Schönheit und kulminiert in der totalen Selbstverschenkung an den Geber aller Gaben.

Mit Hamburger gilt es tiefer die „Verschwisterung“ von Schönheit und Liebe zu verstehen und so auch die Liebe als letztendlich einzig „angemessene Berührung“ der eigenen und anderer Personen zu erkennen, denn was gibt es Schöneres als die Person? Liebe erst kann also die Kluft zwischen den verschieden Personen als „Welten für sich“ überwinden und wird somit zum konstitutiven Element, besser zur „Schafferin“ der personalen Gemeinschaft, der Ich-Du-Beziehung, die wiederum ein genuiner Ausdruck des Personseins ist, denn was wäre eine nur singuläre Person? (Vgl. Erkenntnis von Personsein: S. 152ff.)