Der Mensch, der inmitten der heutigen gesellschaftlichen Verfallserscheinungen lebt, begreift, dass es ein Paradies auf Erden weder heute noch in der Zukunft geben wird. Die Fortschrittseuphorie vergangener Jahrzehnte ist längst verflogen. Es ist Ernüchterung eingekehrt. Angesichts der Flüchtigkeit menschlicher Befriedigungen und oberflächlicher Vergnügungen besinnen sich viele auf ein Leben in Verbundenheit mit Gott.  Was man bei den Kreaturen vergeblich gesucht hat, versucht man nunmehr in Gott zu finden: ein beglückendes, erfülltes Leben.

Aber ist der neu aufgebrochene Hunger nach Gott nicht auch wieder eine Sehnsucht, die unerfüllt bleibt? Steht man am Schluss nicht wie so oft mit leeren Händen da? Ist Heiligkeit realisierbar für jeden von uns oder eben doch ein unerreichbares Ideal?

Wir Menschen brauchen ein Licht von außen, eine Führung auf dem Weg zu Gott. Die beiden großen Mystiker des Karmel, die heilige Teresa von Avila und der heilige Johannes vom Kreuz, bieten uns eine solche Orientierung. Sie nehmen uns mit auf ihren Weg nach innen, sie wollen uns auf dem Weg der Kontemplation zur innigsten Vereinigung mit Gott führen.

Der einzige Weg, der uns zur Einheit mit Gott gelangen lässt, ist die totale Umkehr oder – in der Redeweise des hl. Johannes vom Kreuz – die „Nacktheit des Geistes“. Ohne die konsequente Loslösung von den Geschöpfen kann niemand das Ziel der unio, der Einheit, erreichen. Damit wenden sich die beiden Reformer des Karmel an strebsame Seelen, d.h. an Menschen, die nicht auf halber Strecke stehen bleiben wollen. Was sie selber gelebt haben und an ihre Söhne und Töchter vermitteln, ist eine Spiritualität der Totalität. Genau diesen Geist einer radikalen Großmut braucht die heutige Welt, die sich weit von Gott entfernt, ihn gleichsam aus dem Blick verloren hat.

Großmut, Totalität und Tiefe gehören zu den wesentlichen Kennzeichen der karmelitischen Mystik. Gerade die Verweltlichung, die in der Kirche Europas in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat, lässt vielen eine tief innerliche Spiritualität als attraktiv erscheinen, insofern sie eine Alternative darstellt zum seichten Zeitgeist des Materialismus und der fortschreitenden Funktionalisierung  des gesamten gesellschaftlichen Lebens.  Einige der aktuellen kirchlichen Bewegungen scheinen allerdings weitaus mehr darauf abzuzielen, dem Menschen in seiner sozialen Not beizustehen als ihm eine geistliche Anleitung anzubieten. Natürlich hat die mit sozialem Einsatz verbundene Nächstenliebe eine zentrale Bedeutung im christlichen Leben. Dabei sollte man jedoch nicht übersehen, dass der Mensch nur von innen heraus gesund werden kann. Eine Spiritualität, die den Grundforderungen des Evangeliums gerecht werden will, muss eine Antwort geben auf die tiefste Sehnsucht des Menschen: auf sein Verlangen, geliebt zu werden und zu lieben. Daraus ergibt sich ein wichtiger geistlicher Grundsatz: Ein christliches Leben ist nur dann echt und fruchtbar, wenn es hervorströmt aus der einzigen wahren Quelle, der übernatürlichen Gottesliebe.

Aus dieser Quelle lebendigen Wassers sprudelt die karmelitische Spiritualität. Sie ist bräutlich, leidenschaftlich, brennend, dynamisch, radikal in ihrer Hingabe an den Geliebten. Sie kennt keine Halbheiten, kein Zurückweichen vor Hindernissen, weil sie erfüllt ist von jener Liebe, die alles überwindet. Die reine Liebe ist nach einem Wort des hl. Johannes vom Kreuz wichtiger als alle äußeren Werke. Sie ist deshalb so wichtig, weil sie die Liebe Christi selber ist, mit dem die Gott suchende Seele auf dem Weg der Umwandlung eins wird. Zu diesem höchsten Ziel wollen die beiden herausragenden Kirchenlehrer und  Lehrmeister des kontemplativen Lebens uns führen.