Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie kein „Superhirn“ haben oder Sie dann und wann in einer Selbstreflexion eine bestimmte Handlung als „hirnlos“ bezeichnen? Haben Sie auch in Ihrer Schulzeit Ihr „Hirn“ nicht genügend trainiert, sodass Sie schlechte Noten bekamen? Bevor Sie nun frustriert die Lektüre dieser Rezension abbrechen wollen, da ich Sie vermeintlich beleidigt habe, sei darauf verwiesen, dass durch diese Fragen nur auf ein gefährliches reduktionistisches Denken bzw. Menschenbild aufmerksam gemacht werden soll, das auch vielen anderen Begriffen, wie z. B. „Hirntod“, zugrunde liegt und als „Mind-Brain-Reduktionismus“ bezeichnet werden kann.

Marcus Knaup erörtert in seiner Dissertationsschrift „Leib und Seele oder mind and brain? Zu einem Paradigmenwechsel im Menschenbild der Moderne“ das Leib-Seele-Problem.

Die philosophische Erörterung des Leib- Seele Problems erfolgt in zwei „Gängen“. Im ersten geht es um die verschiedenen philosophischen Theorien und „Erklärungsversuche“ des Leib-Seele- Problems. Hierbei wird vom Dualismus, bei Descartes beginnend, ausgegangen. Eine weitere Station des ersten Ganges ist die monistische Konzeption im Allgemeinen und der Substanzmonismus Spinozas im Besonderen. Eine weitere monistische Spielart ist der materialistische Monismus, der im Hinblick auf die Thematik des Buches diskutiert, kritisiert und gewürdigt wird. Die letzte Station des ersten Ganges ist der Auseinandersetzung mit dem Hylemorphismus gewidmet. Knaup erklärt hierzu: „Zwei Vokabeln sind für Aristoteles wichtig, um seinen Lesern zu erläutern, dass die unterschiedlichen Lebensäußerungen zu lebendigen Organismen, zu leib-seelischen Ganzheiten, gehören: Form und Materie. Seine Sichtweise wird Hylemorphismus genannt. Hiermit ist eine Position gemeint, die davon ausgeht, dass physikalische Prozesse, die Materie (hyl¯e), und die Formkraft der Seele (morph¯e) komplementär zueinander gehören“ (224). „‘Die Materie ist Potenz/ Möglichkeit, die Form aber ist Vollendung (Entelechie).’ Materie und Form können vor diesem Hintergrund in all den Seienden, mit denen wir täglich Umgang haben, nicht auseinandergerissen werden. [. . . ] Aristoteles erklärt: Sie [die Form] durchformt den Stoff. Wir dürfen davon sprechen, dass sie ihn organisiert. Wo Stoff ist, ist eben auch die Formkraft. Materie und Formkraft gibt es nicht losgelöst voneinander. Es ist Aristoteles ein besonderes Anliegen, hervorzuheben, dass die forma etwas zu dem macht, was es ist: in unserem Fall also zu einem lebendigen menschlichen Organismus“ (224f.).

Der zweite Gang nimmt seinen Anfang in der Erörterung des Menschen und seines Gehirns und führt in einem nächsten Schritt über „die Wiederentdeckung des Leibes“ hin zum „Weg zum Bewusstsein“. Dann kommt es zur Entscheidungsfrage: Leib und Seele oder mind and brain? In der letzten Station des zweiten Ganges befasst sich Knaup mit der „Hirnforschung und der Frage nach der Freiheit“.

Die Arbeit überzeugt durch die Klarheit des Denkens, das sich nicht im Weltknoten des Leib-Seele Problems verknotet, diesen auch nicht zu lösen bzw. wegzuphilosophieren trachtet, sondern an einer kritischen Erörterung der verschiedenen philosophischen Theorien interessiert ist. Hierbei werden die verschiedenen philosophischen Theorien zum Leib-Seele Problem mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft wie z. B. der Neurowissenschaft konfrontiert, Grenzen abgesteckt und auf Grenzüberschreitungen aufmerksam gemacht.

Überzeugend wird herausgearbeitet, dass die menschliche Person kein „Geist-Gehirn-Wesen“ ist und deswegen auch nicht im Zuge eines gefährlichen, da falschen, mind-brain-Paradigmas in unserem Denken und Handeln verkürzt werden darf. Knaup zeigt auf, dass nur derjenige zu einem philosophisch tragfähigen anthropologischen Verständnis gelangt, der die „Grabenkämpfe zwischen dualistischen und physikalistischen Ansätzen hinter sich“ (595) lässt und zum Hylemorphismus vorstößt. Der Hylemorphismus sollte also keineswegs auf den „Sondermüll der Philosophiegeschichte entsorgt werden“ (595).

Hier darf natürlich kritisch gefragt werden, ob nicht mehrere Bedeutungen des Dualismus hätten unterschieden werden müssen und ob es nicht im Sinne des rechten Hylemorphismus auch einen „wahren Dualismus“ gibt. Was kann, so soll nun ausgehend vom Titel der Arbeit gefragt werden, eigentlich richtigerweise unter dem Begriff „Seele“ verstanden werden? „Heute von ‘Seele’ zu sprechen,“ so schreibt Knaup (220), „wird oft genug von Seiten zahlreicher Naturwissenschaftler, Psychologen, Theologen und Philosophen (bestenfalls) belächelt“ (220). Die „Seele“ kann ausgehend von der philosophia perennis als Lebensprinzip, als Entelechie, also als die immaterielle Ursache für das Lebendig-Sein der lebenden Dinge aufgefasst werden, die, im Falle des Menschen den Leib durchseelt. Der Mensch ist somit eine Einheit von Leib und Seele, eine Person im Leib. „Die Seele ist [. . . ] nicht dasselbe wie ein reiner Geist“ (227). Nach Aristoteles ist „[d]ie Seele das, ‘wodurch wir primär leben, wahrnehmen. Daher ist sie wohl ein gewisser Begriff und eine Form, nicht jedoch Materie und Zugrundeliegendes ’“ (226).

Knaup gelingt mit dieser Arbeit in mutiger und wissenschaftlich gewitzter Weise zeitgeistkritisch den Finger auf die intellektuelle Wunde zu legen, indem er die Probleme, die sich aus dem „mind-brain-Paradigma ergeben“ (599), aufzeigt und diesem das Leib-Seele-Paradigma entgegenstellt, basierend auf dem Hylemorphismus und einer Leibphänomenologie (im Rückgriff auf Edith Stein) und so die sich durch ein falsches Paradigma ergebenden Probleme, Verwirrungen und Gefährdungen vermeidet. Gemäß dem mind-brain-Paradigma wird das Leib-Seele Problem auf ein Geist-Gehirn Problem reduziert, der Mensch gewissermaßen als ein „Gehirn“ im Köper begriffen. Knaup weist darauf hin, dass mit dem mindbrain- Paradigma zumeist verschiedene Paralogismen, wie beispielsweise der referenzielle, lokalisatorische, mereologische (435ff.) einhergehen. Es wird ferner gezeigt, dass dem mind-brain-Paradigma gewisse stillschweigende unhinterfragte philosophische Vorentscheidungen vorausgehen, die bisweilen ohne gute zureichende Gründe in geradezu dogmatischer Art und Weise vertreten werden.

Eine Auffassung, welche die menschliche Willensfreiheit leugnet, kann mitunter auch durch das mind-brain-Paradigma begründet bzw. begünstigt werden, denn im „mindbrain- Paradigma wird der Mensch in seiner leibseelischen Ganzheit nicht mehr als Handelnder angesehen“, sondern lediglich als Basis „(kausal zusammengefügter) mindbrain- Erlebnisse“ (580) aufgefasst. Hingegen sind nach dem Leib-Seele-Paradigma „Sie und ich als lebendige Menschen in unserer leib-seelischen Ganzheit das ‘bewegende Prinzip’ unserer Handlungen“ (581). Welche fatalen Konsequenzen das mindbrain- Paradigma haben kann, wird neben der „Leibvergessenheit“ auch am Ende des menschlichen Lebens spürbar (betrifft aber auch die Bestimmung des Beginns des menschlichen Lebens) in der, diesem Paradigma entsprechenden, willkürlichen Neudefinition des menschlichen Todes als „Hirntod“ (vgl. 462f.). Dementsprechend schreibt Knaup: „Im mind-brain-Paradigma gilt das Hirn als das, was unser Mensch- und Lebendigsein ausmacht und manchmal sogar noch uns und die Welt, in der wir leben, hervorbringen muss“ (480f.). Leider bleibt der amerikanische Neurologe Alan Shewmon unerwähnt, der aufgrund seiner empirischen Forschungsergebnisse sich gegen das mind-brain-Paradigma stellt, indem er folgende These vertritt: Die hauptintegrative Leistung des menschlichen Gehirns ist keine somatische Integration, vielmehr ist die hauptintegrative Leistung, die den menschlichen Organismus als Ganzes konstituiert, eine nicht vom menschlichen Gehirn erbrachte oder vermittelte. Die Integration, die den menschlichen Organismus als Ganzes konstituiert, scheint viel mehr eine innere nicht lokalisierbare zu sein. Sie kann auch schon ohne das Gehirn vorhanden sein, so z. B. beim frühen Embryo (vgl. R. E. Bexten, Erkenntnis von Personsein, Heiligenkreuz 2013, 207f.). Eine an der Wirklichkeit orientierte perspektivische Vielfalt, innerhalb welcher auch die Sichtweise der modernen Neurowissenschaft vertreten ist und in welcher der „Metaphysik eine Dirigentenaufgabe zukommt“ (600), kann mit Knaup resümierend als Voraussetzung für eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Leib-Seele-Problem begriffen werden. Insofern kann die Lektüre dieser Arbeit nur empfohlen werden.

Erstpublikation: Münchener Theologische Zeitschrift ISSN: 0580-1400, Erschienen in: no. 64 (3):302-304.