Teresa von Avila zeigt in ihren Werken den Weg der Vollendung in Christus. Ihre Erlebnisse, Erklärungen und Anleitungen bewegen sich immer im Rahmen des kirchlichen Glaubens. Daher ist das Ziel ihrer Mystik „keine Versenkung in eine Leere, kein Einswerden mit einem kosmischen Allgrund und keine Erleuchtung im buddhistischen Sinn“.[1] Ihre Spiritualität befindet sich vielmehr ganz im Einklang mit der Heiligen Schrift, mit der Glaubenslehre und dem personalen Gottesbild der Kirche. Deshalb beruhen alle von ihr beschriebenen Ausdrucksformen des Gebetes auf einer persönlichen Begegnung mit Jesus Christus.

Durch das innere Gebet strebt der Mensch nach einer Vertiefung seiner Freundschaft mit dem Herrn. Alle werden von Gott zur Kontemplation eingeladen. Teresa versteht darunter ein passives Gebet, das der Mensch von sich aus nicht hervorbringen kann. Sie nennt es übernatürlich, weil man während des mystischen Gebetes die Wirkungen Gottes im eigenen Inneren erfahren kann. So spürt die Seele beim Gebet der Ruhe, der ersten Stufe der Kontemplation, dass Gott sie an sich ziehen will. Teresa sieht in der Rede Jesu vom lebendigen Wasser einen Hinweis auf das beschauliche Gebet und vergleicht die Kontemplation mit dem sprudelnden Wasser, das in verschiedener Fülle einer Quelle entströmt. So kann das lebendige Wasser in der Form eines überreichen Stromes, eines Baches oder eines Rinnsals empfangen werden. Verschieden sind auch die Arten der Beschauung: Die einen sind angenehm oder gar berauschend, andere wiederum trocken oder auch qualvoll. Die mit der eingegossenen Beschauung verbundenen Zustände des mystischen Gebetes, von denen Teresa in ihren Werken ausführlich spricht, sind für das Erreichen der christlichen Vollkommenheit nicht notwendig. Doch ist sie – wie auch Johannes vom Kreuz – der Überzeugung, dass eine gewisse Form der Beschauung denen nicht fehlen wird, die sich großzügig darauf vorbereiten.

Der hl. Johannes vom Kreuz hat für das Ziel des geistlichen Lebens verschiedene Bezeichnungen: Er spricht von der vollendeten Liebe, von der Einheit der Umwandlung oder von der mystischen Ehe bzw. Vermählung. Um zur unio zu gelangen, sollen wir den Weg des reinen Glaubens gehen, d.h. Gott suchen „im Glauben und in der Liebe“. In enger Verbindung mit den theologischen Tugenden sieht er die Kontemplation und die Gaben des Heiligen Geistes. Gott führt zwar jeden Menschen auf einem einzigartigen Weg. Doch ohne einen intensiven Einfluss der Gaben des Heiligen Geistes kann niemand zur Umwandlung der Liebe gelangen. Sie sind zusammen mit den theologischen Tugenden von entscheidender Bedeutung für den inneren Fortschritt der Seele.

Wenn die Erleuchtung durch den Heiligen Geist während des Gebetes erfolgt, können die kontemplativen Zustände des Gebetes entstehen.[2] Sie kommen durch ein intensiveres Wirken insbesondere der Gaben des Verstandes und der Weisheit zustande und gehören als eingegossene Beschauung zur vollen Entfaltung des Gnadenlebens, können also nicht als außergewöhnlich angesehen werden. Sie sind fast immer die organische Folge einer hochherzigen Übung der Gottesliebe. Auch wenn sie für das Erreichen der Heiligkeit nicht notwendig sind, zeichnet sich eine zur Vollkommenheit gelangte Seele normalerweise durch einen Reichtum an kontemplativen Gnaden aus. Allerdings gibt es bei den Heiligen große Unterschiede, was die höheren Stufen der Kontemplation betrifft. Alle empfangen ein und dasselbe Licht des Heiligen Geistes, aber mitunter auf sehr verschiedene Weise. Der hl. Johannes vom Kreuz ist jedenfalls davon überzeugt, dass Gott den strebsamen Seelen kontemplative Gnaden auch in großer Fülle schenkt, wenn sie sich ihm ganz hingeben in großmütiger Liebe. Somit kann die Kontemplation nicht als das absolute Ideal des geistlichen Lebens angesehen werden, wohl aber als ein relatives Ideal, insofern sie zu einer Loslösung von den Geschöpfen und zu einem raschen Wachstum in der Liebe sehr beitragen kann.

Im Unterschied zur hl. Teresa von Avila überwiegt bei der kleinen hl. Therese vom Kinde Jesus eine Mystik der Dunkelheit. Während ihre geistliche Mutter nach ihrer Bekehrung in den täglichen Stunden der Betrachtung durch ein Übermaß an mystischen Gnaden immer tiefer in die Wohnungen der inneren Burg eingedrungen ist, ringt Therese in der Zeit des Gebetes oft vergeblich mit dem Schlaf und klagt über eine „gewohnte Trockenheit“. Aber gerade auf diesem Weg der Dunkelheit und der Trostlosigkeit gelangt sie eines Tages zur Erkenntnis ihrer Berufung und bahnt durch ihre Spiritualität der geistigen Kindheit „dem christlichen Geistesleben einen neuen Weg“.[3] „Meine Berufung ist die Liebe.“ Auch Therese wird vom Licht des Heiligen Geistes überflutet, auch sie ist eine große Kontemplative. Doch sie empfängt die göttliche Erleuchtung meist auf verborgene Weise während der ganz normalen Beschäftigungen des alltäglichen Lebens. Sie beweist durch ihr Leben und ihre Schriften, dass man auf dem Kleinen Weg des Vertrauens und der restlosen Hingabe ebenso die höchsten Höhen der Gottesliebe erreichen kann wie auf der von der hl. Teresa von Jesus in ihren Werken beschriebenen via mystica.

[1] Camillus Lapauw, Teresa von Avila – Wege nach innen. 218.

[2] Vgl. P. Gabriele di S. M. Maddalena OCD, Nella Luce di San Giovanni della Croce – riflessa in Santa Teresa di Lisieux. 103.

[3] André Combes, Einführung in das Geistesleben der heiligen Theresia vom Kinde Jesu. 171.