Nach dem Philosophischen Wörterbuch von Walter Brugger[1] definiert die katholische Theologie Mystik als „das erfahrungsmäßige Innewerden des göttlichen Gnadenlebens im Menschen“.  Durch seine Wirkungen wird „Gott im Innern der Seele auf erfahrungsmäßige Weise erkannt“. Im Unterschied zu anderen Menschen hat demnach der Mystiker einen besonderen Zugang zu Gott durch die Erfahrung. „An eine unmittelbare Gottesschau ist dabei nicht zu denken, wohl aber an eine von der Phantasie unabhängige, rein geistige Erkenntnisweise (Beschauung, Kontemplation), in der die Geistseele entweder eine besondere Einwirkung Gottes (zB eine eingegossene Idee) oder sich selbst intuitiv in ihrer unmittelbaren Gottbezogenheit erkennt … Hört auf Grund eines mystischen Erlebnisses die natürliche Sinnestätigkeit auf, so spricht man von Ekstase.“

Wenn nun auch gewisse außergewöhnliche Phänomene wie Ekstasen, Visionen sowie Erscheinungen zur Mystik gehören, so ist doch der eigentliche Kern der christlichen Mystik in jener erfahrungsmäßigen Erkenntnis Gottes zu sehen, die als Kontemplation oder Beschauung bezeichnet wird. Dabei ist es Gott selbst, der sich der Seele des Menschen mitteilt, sich ihr gnadenhaft zu erkennen gibt. Nach den Worten Jesu im Johannesevangelium bleibt das Wohnen der göttlichen Personen in der begnadeten Seele nicht auf eine bloße Gegenwart beschränkt, sondern Gott ist präsent als die sich schenkende Liebe. Er will in der Seele wohnen und sich ihr offenbaren; d.h. er will sich den Menschen, die ihn lieben, mitteilen. „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“(Joh 14,21).

Aus den bisherigen Feststellungen ergibt sich die entscheidende Bedeutung der Erfahrung für die Mystik. Ein Christ kann die Gemeinschaft mit dem in ihm gegenwärtigen Gott auf verschiedene Weise pflegen. Auf Grund des Glaubens weiß er, dass Gott im Innersten einer begnadeten Seele wohnt. Die Theologen sprechen von einer „Gegenwart der Einwohnung“. Der Glaube sagt uns, dass Gott in unserer Seele als eine Wirklichkeit zugegen ist, mit der wir in Kontakt treten können. Die göttlichen Personen wollen von uns erkannt und geliebt werden. Sie laden uns dazu ein, mit ihnen zu leben. Auf der anderen Seite ist der Mensch im Stand der Gnade auch dazu fähig, eine solche innige Beziehung zu Gott einzugehen. Wo die Gnade ist, sind auch die theologischen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Sie befähigen uns, das Angebot der göttlichen Liebe anzunehmen und in inniger Freundschaft mit Gott Umgang zu pflegen.

Gott will den Menschen immer tiefer in die Vereinigung mit ihm hineinführen. Zu den theologischen Tugenden kommen die Gaben des Heiligen Geistes, die uns ein gewisses erfahrungsmäßiges Erkennen der göttlichen Wirklichkeit ermöglichen. An dieser Stelle betreten wir den Bereich der Mystik. Denn auf Grund der Gaben des Heiligen Geistes entsteht eine neue Weise der Gotteserkenntnis, die zugleich eine neue Art des Gebetes darstellt: die Kontemplation. An die Stelle der Betrachtung mit ihren vielen Einzelerkenntnissen tritt ein einfaches liebevolles Schauen auf Gott.

Ziel dieser Abhandlung ist es, vor allem die Frage nach der Bedeutung und dem Stellenwert der Beschauung in der Mystik der hl. Teresa von Jesus, des hl. Johannes vom Kreuz und der hl. Therese vom Kinde Jesus, der drei großen Kirchenlehrer des Karmels, in den Blick zu fassen. Eine Antwort auf diese  Frage ist nur durch die ständige Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs der teresianischen Lehre möglich. Deshalb sind mit dem zentralen Thema dieser Untersuchung weitere Fragen verbunden: Was verstehen die hl. Teresa von Jesus und der hl. Johannes vom Kreuz unter Beschauung? Welche Formen der Beschauung gibt es? Wie entsteht sie? Was kann der Mensch zu ihrer Entstehung beitragen? Welche Bedeutung kommt ihr beim Streben nach Vollkommenheit zu? Ist die Beschauung ein Ziel, das man anstreben soll? Alle diese Fragen sollen eine Antwort finden im Rückgriff auf die Schriften der beiden Reformer des Karmels sowie der hl. Therese von Lisieux.

[1]Walter Brugger, Philosophisches Wörterbuch. München 1976.